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Achleiten/AUT: Die Geschichte zum Geschenk
Freitag 07. Juni 2019
Im Zusammenhang mit dem 40-jährigen EM-Gold-Jubiläum kam die Frage nach dem erwähnten "Geschenk" auf - deswegen hier nun die ganze Geschichte von Mon Cherie ...

Eigentlich begann alles auf Gestüt Vorwerk. Dort sollte nämlich 1969 die im Besitz von Rudi Heinen und Hans Schwelm stehende Stute Aurora (v. Agram) vom legendären Cappelner Beschäler Furioso II gedeckt werden. Doch dieser musste sich zu vielen anderen Stuten widmen, und so kam statt seiner der irische Vollblüter More Magic xx zum Zuge. Elf Monate später, genau am 20. Januar 1970, wurde auf dem Vellrater Hof von Hans Schwelm bei Düsseldorf ein Hengstfohlen geboren, das seinen schimmelfarbenen Vater wahrlich nicht verleugnen konnte.

Sissy Theurer stattet 1973 dem Hof zusammen mit ihren Eltern einen Besuch ab – auf der Suche nach einem Springpferd. Der reitbegeisterte Teenager hatte damals nämlich gerade erst einmal die Dressur an den Nagel gehängt und war ins Parcoursfach gewechselt … Und bei Hans Schwelm, einem Geschäftspartner von Sissy Theurers Vater, wurde man tatsächlich fündig: Le Fort sollte es sein. Zusätzlich zu diesem vermögenden Hannoveraner Springpferd gab es den nunmehr dreijährigen Schimmelwallach von More Magic xx noch als Geschenk mit dazu.

Getauft auf den Namen Mon Cherie, erwies sich „Mein Liebling“ im Training zunächst allerdings keineswegs als „Liebling“. Er war in seiner Gehfreude kaum zu bremsen, nahezu undurchlässig und nur mit viel Mühe überhaupt an den Zügel zu reiten. Hans Max, schon damals ein begnadeter und hoch erfolgreicher Reiter, hatte die Ausbildung übernommen und vergoss eine Menge Schweiß und grübelte Nächte darüber, wie man aus Mon Cherie ein Dressurpferd machen könne. Am Ende wollte er schon aufgeben, doch seinem Vorschlag, den Wallach besser einem Springreiter zu überlassen, da er einen respektablen Sprung machte, stimmte seine spätere Frau Sissy nicht zu: Ein Geschenk weiterverkaufen? Niemals!! Und so hieß es für Hans und Sissy Max-Theurer, Ausdauer an den Tag zu legen, immer weiter zu üben und sich auch von den 48 Prozent, die Sissy Max-Theurer und Mon Cherie für ihre erste gemeinsame A-Dressur erhielten, nicht entmutigen zu lassen.

Und tatsächlich wurde die Ausdauer der beiden in ihrer Arbeit mit Mon Cherie belohnt. Fünfjährig zeigte dieser bereits Traversalen und sprang fliegende Wechsel in Serie – und sein grandioses Talent für Piaffe, Passage sowie Pirouetten. Doch zunächst erlaubte der damalige Österreichische Nationaltrainer Georg Wahl seinem Kaderreiter Hans Max nicht, den Schimmel zu den Lehrgängen mitzubringen. Als die Fortschritte des Paares aber nicht mehr von der Hand zu weisen waren, gab Georg Wahl sein Einverständnis – und lieferte für die weitere Ausbildung Mon Cheries ganz wichtige Impulse.

War es anfangs ein hartes Stück Arbeit, so erwies sich „der Schimmel“, wie er zunächst nur genannt wurde, als ausgesprochen intelligenter und fleißiger Schüler. Sechsjährig trat er erstmals in S-Dressuren an und debütierte 1977 siebenjährig bereits in der Grand Prix-Klasse bis hin zur Berufung in das Team für die EM im schweizerischen St. Gallen. Mon Cherie und seine damals 21-jährige Reiterin Sissy Max-Theurer waren das jüngste Paar und erreichten am Ende einen respektablen 20. Platz – hinter der die Dressurwelt damals nach Belieben dominierenden Christine Stückelberger auf ihrem Granat.

Mon Cheries (Über)Eifer in die richtigen Bahnen zu lenken, war für Sissy Max-Theurer immer eine Herausforderung. So musste sie etwa 1978 bei der WM im britischen Goodwood ewig lange abreiten – und war sich am Ende doch nicht sicher, ob sie ihren Wallach nach dem starken Trab noch rechtzeitig vor der Zuschauertribüne würde „bremsen“ können. Als 14. verpasste das Paar damals nur denkbar knapp das Einzelfinale. Auch im Grand Prix von Nizza/FRA piaffierte Mon Cherie auf der Schlusslinie fast bis ins Richterhäuschen hinein – und konnte nur durch die recht hohe Viereckumrandung gerade noch rechtzeitig daran gehindert werden, was Chefrichterin Joan Hall mit einem Schmunzeln quittierte.

Der Rest ist Geschichte: Mon Cherie und Sissy Max-Theurer wurden 1979 im dänischen Aarhus Europameister und im Jahr darauf in Moskau Olympiasieger. „Mon Cherie wusste immer, wann es darauf ankommt“, erinnert sich Sissy Max-Theurer. Schon das Einflechten sei für ihn immer das Signal gewesen „jetzt geht es endlich los!“ Und er begeisterte nicht nur seine Reiterin, sondern auch die Richter und Reitsportfans mit seiner Bewegungsfreude und seiner Einstellung. Es war die Power und gleichzeitig auch die Mühelosigkeit, die dieses Paar bis heute zu einem Aushängeschild der Dressur machte. „Er hat uns aber auch gelehrt, dass man niemals aufgeben darf. Es gibt immer einen Weg – man muss ihn nur finden“, erklärt Hans Max-Theurer. Entsprechend schwer sei ihnen die Entscheidung gefallen, Mon Cherie schon 1980 aus dem Sport zu verabschieden. Wahrscheinlich lagen noch viele weitere Erfolge vor Mon Cherie und Sissy Max-Theurer, doch bei dem Wallach hatte sich ein Melanom (der sog. Schimmelkrebs) im Bereich des Kehlkopfs gebildet – was seine Atmung mehr und mehr behinderte, wenn er an den Zügel geritten wurde. „Zum Wohle dieses großartigen Pferdes haben wir auf das weitere Reiten verzichtet und ihm einen schönen Lebensabend bereitet“, erzählt Sissy Max-Theurer mit viel Wehmut.

1985 führten die Melanome bei Mon Cherie zu einer Reihe heftiger Kolikanfälle, in deren Folge er erlöst werden musste. „Wir sind unglaublich dankbar für die Zeit mit diesem wunderbaren Pferd. Mon Cherie hat uns zu Beginn wirklich vor eine Herausforderung gestellt. Er hat uns aber auch mit seiner Einstellung, seinem Willen und seiner so positiven Art unheimlich viel Freude bereitet. Er war wirklich einmalig und wird immer einen Platz in unseren Herzen haben. Er war wirklich ein Geschenk“, denken Sissy und Hans Max-Theurer auch heute noch oft an ihn.


Mon Cherie mit Sissy und Hans Max-Theurer. Fotos: Archiv Max-Theurer


Mutterstute Andorra


Vater Mare Magic xx


Der junge Mon Cherie


unter Hans Max-Theurer


in der Handarbeit


Mit Sissy Max-Theurer








Mascagni mit Sissy und Mon Cehrie mit Hans Max-Theurer